ENIQO: Gescheitert in vier Akten
Wir wollten Batteriespeicher in jeden Haushalt bringen und hatten sogar schon Prototypen und Verpackungen. Gescheitert sind wir trotzdem.
Wie so oft im Leben ergeben sich die besten Chancen durch Zufälle. Mitte 2023 wurde ich von einem Gesellschafter der gerade gegründeten ENIQO GmbH angesprochen, ob ich Zeit und Lust hätte, das Projekt mit meiner Erfahrung als Head of Product & Technology zu unterstützen. Das Ziel von ENIQO sei es, kompakte Batteriespeicher in jeden Haushalt zu bringen und so die Haushalte maximal an dynamischen Stromtarifen teilnehmen zu lassen.
Zwar war dieses Projekt äußerst spannend und ich habe viel gelernt, jedoch sind wir gnadenlos gescheitert. Und dieses Scheitern war ein Stück in mehreren Akten.
1. Akt: Die Findungsphase
Als ich zu ENIQO stieß, gab es bereits ein eingespieltes Team aus mehreren Gesellschaftern, die alle etwas mitbrachten: Die Software kam von einer Softwarefirma, die Idee und das Know-how für die Hardware von einem weiteren Gesellschafter, und zwei Gründer, die zuvor bereits einen Exit hingelegt hatten, sollten sich um Vertrieb und Marketing kümmern. Recht schnell stellte sich allerdings heraus, dass niemand das Produkt- und Projektmanagement übernehmen konnte, also jemand, der die Softwareentwickler koordiniert und gleichzeitig bei der Hardware hinterher ist. An dieser Stelle kam ich ins Spiel.
Überzeugt hat mich vor allem das Produkt selbst, denn ich hatte zu Hause bereits Balkonkraftwerke installiert und einen kleinen Batteriespeicher im Einsatz. Dabei merkte ich, dass man im Sommer mit etwas Glück beim Wetter über mehrere Tage, teilweise sogar Wochen, unabhängig vom Netz sein kann. Wäre es nicht praktisch, wenn das für jeden Haushalt mit sehr geringen Investitionskosten möglich wäre? Ich glaube bis heute, dass kleine Batteriespeicher ein Gewinn für jeden Haushalt sein können, wenn sie richtig gebaut sind. Unsere Idee war deswegen, sie modular und praktisch zu gestalten: so, dass sie sogar sexy aussehen und man sie gerne zeigt, oder so, dass man sie an Orten unterbringen kann, an denen man sie kaum sieht.
Zudem sollten ab 2025 alle Stromanbieter gesetzlich verpflichtet werden, dynamische Stromtarife anzubieten. Dies hätte bedeutet, dass rein theoretisch auch jeder Mieter am dynamischen Strompreis hätte teilhaben können, sofern die Verluste bei der Umwandlung von Wechsel- zu Gleichstrom und wieder zurück nicht zu groß sind.
2. Akt: Der Größenwahn
Die Stimmung im Team war euphorisch, es herrschte eine absolute Aufbruchsstimmung. Die erneuerbaren Energien erlebten 2023 einen regelrechten Boom, und mit Northvolt sollte in Schleswig-Holstein eine riesige Batteriefabrik entstehen, weshalb auch die Bereitschaft, Projekte rund um Batterien zu fördern, deutlich erhöht war. Als wir das Produkt relativ am Anfang auf der E-world in Essen vorstellten, bekamen wir zudem sehr gutes Feedback. Da fiel es nicht schwer, ein wenig größenwahnsinnig zu werden. :)
Technisch standen wir allerdings recht schnell vor dem ersten Problem: Zum damaligen Zeitpunkt gab es keine Geräte auf dem Markt, die herkömmliche Stromzähler (also keine Smart Meter) in Echtzeit auslesen und die Daten an die Batterie übertragen konnten, was jedoch die Voraussetzung für eine Nulleinspeisung ist. Bevor der Batteriespeicher überhaupt funktionieren konnte, mussten wir also umschwenken und zuerst ein eigenes Lesegerät entwickeln, welches wir Nancy tauften. Inspiriert hat uns dabei unter anderem Tibber, die mit eigener Hardware die Stromzähler ihrer Kunden für den eigenen Tarif auslesen.
Dabei sollte sich Nancy deutlich von dem abheben, was es bereits auf dem Markt gab. Unser Ziel war, dass auch Bewohner von Mehrfamilienhäusern dynamische Stromtarife nutzen können, was in Deutschland bis heute schwierig ist: Häufig haben Mieter gar keinen Zugang zu ihrem eigenen Stromzähler, oder es hängen diverse Zähler im Keller. Und wer im vierten Stock wohnt, hat dort unten in der Regel auch kein WLAN. Die ursprüngliche Idee war deswegen, den Zähler per LTE anzubinden und Partnerschaften mit Stadtwerken einzugehen.
Entsprechend groß fiel Nancy aus, denn darin steckte unter anderem eine Batterie. Unser Hardware-Gesellschafter war anfangs der Meinung, dass das Gerät auch offline funktionieren müsse, weil es in der Nähe von Stromzählern keine Steckdosen gebe. Die Realität sieht heute allerdings anders aus, denn fast jeder hat eine Steckdose in der Nähe seines Zählers. Abgesehen davon hätte die Batterie aufgrund ihrer Größe gerade einmal ein paar Tage durchgehalten, bis sie hätte gewechselt werden müssen. Ein völliges Fehlkonzept also.
Hinzu kam die Möglichkeit, das Lesegerät per Kabel auch an weiter entfernten Zählern anzubringen. Alles war sehr umfangreich konzipiert, und am Ende haben wir schlicht over-engineert, statt mit dem einfachsten Produkt loszugehen: Wir gingen nicht von leicht zu schwer, sondern genau den umgekehrten Weg. Ehrlicherweise verhedderten wir uns zudem viel zu sehr in kleinen Details und machten uns viel zu früh Gedanken darüber, wie wir den Firmenwert steigern könnten, und arbeiteten Patente aus, anstatt das Produkt voranzutreiben.
3. Akt: Die Wiederfindungsphase
Dass es so nicht richtig funktionierte, merkten wir relativ früh, denn das größte Problem war meiner Meinung nach die Zeit: Kaum einer der Gesellschafter war wirklich Vollzeit dabei. Die wöchentlichen Management-Meetings, in denen wir uns abstimmen wollten, stellten wir nach wenigen Monaten ein, und danach fand praktisch keine unmittelbare Abstimmung mehr statt. Stattdessen kommunizierten wir asynchron und dabei leider oft aneinander vorbei.
Bereits wenige Wochen nach dem Start trennten sich zudem die Wege mit einem Gesellschafter. Der Grund war eine grundsätzlich unterschiedliche Vorstellung davon, was ENIQO eigentlich sein sollte: Er sah in uns eine Hardwarefirma, die mit ihren Geräten Geld verdient. Alle anderen Gesellschafter sahen uns dagegen als Softwarefirma, für die die Hardware nur Mittel zum Zweck ist, damit unsere Software überall im Einsatz ist. Mit der Hardware selbst würden wir ohnehin kein Geld verdienen, dafür wäre sie zu teuer. Das Geld sollte mittelfristig über Subscriptions für die Software und über Partnerschaften, zum Beispiel mit Stadtwerken, kommen. Dazu passte auch, dass er ein reines Offline-Gerät bauen wollte, während wir auf eine Cloud-Lösung setzten, die sich zentral steuern lässt. Die Cloud war am Ende zwar die richtige Entscheidung, allerdings kostete uns die Diskussion darüber viel zu viel Zeit und Energie.
Auch die Softwareentwicklung dauerte deutlich länger als gedacht. Einer der Gründe war, dass sich die Stromzähler teilweise stark unterschieden: Manche nutzten verschiedene Protokolle, andere wiesen Hardware-Defekte auf oder waren auf andere Weise speziell. Das war zudem noch vor der Zeit von KI, weshalb wir uns mit vielen Techniken erst selbst auseinandersetzen mussten, und statt auf ein eigenes Team setzten wir auf externe Softwareentwickler.
Erst später entstand aus Nancy die Nancy Lite, die wir ohne Batterie bauten und direkt auf den Stromzähler aufsetzen konnten. Das war genau die leichte Version, mit der wir von Anfang an hätten starten sollen, allerdings kam sie viel zu spät: Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits viel Geld in die Soft- und Hardwareentwicklung der schweren Version gesteckt.
4. Akt: Die Realität
Trotz allem wollten wir es durchziehen und beschlossen, mit einem Prototypen an den Markt zu gehen. Prototypen und Verpackungen waren vorhanden, und eigentlich war alles bereit für den Release im August 2024. Daraus wurde jedoch Oktober, dann November, und spätestens da schwamm alles auseinander, weil das Geld aufgebraucht war.
In dieser Phase wagten wir noch einen letzten Anlauf und wollten ENIQO zu einem gemeinschaftlichen Produkt umbauen: Über lokalen Energiehandel hätte man zum Beispiel den Strom seines Nachbarn einkaufen können. Dafür wären allerdings rechtliche Änderungen nötig gewesen, auf die man sich in Deutschland nicht kurzfristig verlassen kann. Tatsächlich ist das sogenannte Energy Sharing erst seit Juni 2026 möglich, also fast zwei Jahre nach dem Ende von ENIQO.
Bei 95 Prozent Fertigstellung des Lesegeräts war dann Schluss, und von den Batterien waren wir sogar noch deutlich weiter entfernt. Am Ende ging uns schlicht das Geld aus, eine weitere Investmentrunde kam nicht mehr zustande. Hinzu kam, dass das Team nicht harmonierte, es zu viele interne Probleme gab und wir uns auf Entwicklungen am Markt verlassen hatten, die nicht in der erhofften Geschwindigkeit kamen.
Ironischerweise hätte uns die Zeit so oder so eingeholt: Drei Jahre später kosten solche Aufsätze für den Stromzähler nur noch wenige Euro, und Batterien lassen sich günstig aus Asien beziehen. Nachhaltig wäre unser Geschäftsmodell in dieser Form also ohnehin nicht gewesen.
Rückblickend hätten wir zuerst eine größere Investmentrunde angehen sollen, bevor wir uns auf die Patente stürzten, denn so war die Burn-Rate einfach viel zu hoch. Und die Schlüsselpositionen hätten wir mit eigenen Leuten besetzen müssen, statt auf externe Entwickler zu setzen.
Eine Erkenntnis kam allerdings erst im Nachhinein, als ich die komplette Firmware eines unserer Geräte an einem Wochenende von KI neu schreiben ließ. Wofür wir damals viel Geld ausgegeben hatten, erledigt eine KI heute in wenigen Tagen fast autonom. Das ist auch einer der Gründe, warum ich KI so viel zutraue und Projekte heute ganz anders angehe. Wie das bei Peuka aussieht, erzähle ich in Keine Zeile Code per Hand.